Julia Breit, geb.1978 in Herford Westf., ist eine hauptsächlich autodidaktische Künstlerin mit lebenslanger Erfahrung im Zeichnen und der Malerei. Auch Fotografie, Collagen und Assemblagen gehören zu ihrem Repertoire. Nach 2 Jahren Kunststudium an der Universität Osnabrück übersiedelte sie nach Berlin, um sich von der lebendigen Kulturszene der Stadt inspirieren zu lassen. Hier konzentrierte sie sich zunächst auf das Zeichnen von Comics und Cartoons, später wandte sie sich wieder der Acrylmalerei zu. Zwischen 2012 und 2018, während eines Aufenthalts in Nordengland, erstellte sie eine Reihe von Bühnenbild ähnlichen Installationen in Pappkartons, die sie fotografierte und anschließend zerstörte. Die entstandenen Fotografien sind Zeugnisse eines temporären Prozesses, dessen Flüchtigkeit sich auch in der Methodik und Materialwahl der Modelle niederschlägt- diese sind provisorisch, lassen Lücken klaffen und erlauben den Blick hinter die Kulissen. In die Fotografien wurden nachträglich teils Figuren eingefügt, um die Szenen zu beleben und menschliche Geschichten zu erzählen. Diese Serie begann als Reflexion des Aufenthalts in einem anderen Land und nach der Großstadt in einer ländlichen Gegend- sie stellte ein Überbrücken des Fremden und Ungewohnten dar durch das Erschaffen vertrauter innerer Räume im Außen.
Aktuell befasst sich Julia malerisch und in Collagen mit verschiedenen Aspekten von Erinnerung und deren Zusammenhang mit Identität, die nur durch das Erzählen von Geschichten bestehen kann. Auf der Suche nach immer neuen eigenen Identitäten in und jenseits bestehender Rollen als Frau und als Person, die sich von Geschlechternormen lösen möchte, muss sie ihre eigenen Erinnerungen sezieren und neu zusammensetzen, neue Geschichten erzählen und sich klar machen, wie ihr eigenes Gedächtnis funktioniert.
Dieser spannende Prozess kristallisiert sich auf zwei Ebenen heraus: Einerseits ist da Helma, die Mutter der Künstlerin, deren Identität in fortschreitender Altersdemenz verschwindet und deren Erfüllen der traditionellen Frauenrolle als Ehefrau, Hausfrau und Mutter ihre Tochter zutiefst geprägt hat. Um diese Persona zu verstehen entstehen 20 Gemälde nach alten Familienfotos, die Helmas Kindern vertraut sind, die über die Jahrzehnte die gemeinsame Geschichte gefestigt haben und doch von allen Mitgliedern der Familie unterschiedlich interpretiert werden. Dieses Eintauchen in Vergangenheiten betreibt die Künstlerin akribisch, fast obszessiv, in kleinformatigen Werken gegenstandsbezogener Malerei. Nur kleinflächige Abdrücke von Farbe entfremden die Bilder, verdecken sie teils mit zufällig entstandenen Strukturen, eine Anspielung auf die scheinbare Beliebigkeit von Erinnerung.
Auf der anderen Seite greift Julia eben diese Zufälligkeiten und Unkontrollierbarkeiten in abstrakter Malerei auf in einem Spiel verschiedener Methoden, die Muster aufbrechen und neue entstehen lassen. Hier entstehen Rhythmen, die die Matrix symbolisieren, auf deren Basis Gedächtnis und Erinnerung funktionieren- die Künstlerin beschreibt damit Vorgänge des Erinnerns in ihrer eigenen Wahrnehmung, die sich in Form von Farben, Mustern und Rhythmen manifestieren. Sie lässt dadurch in ihren Bildern einen inneren Garten erblühen, der wunderlich wirkt, bizarr, und doch vertraute Elemente hat, oft erinnern Strukturen an Myzel und anderes Wurzelwerk, das Verbindungen schafft, zerstört und neu formiert- ganz wie Synapsen.
Im Spiel zwischen abbildender Malerei und Abstraktion (wo ist die Grenze?) entstehen Gemälde, die Identität hinterfragen, Geschichten darstellen, Reaktionen auf den Zeitgeist.